Über Kompositionen in der Musik, Architektur und Gartenbaukunst

Detail von einer Seite des Reliefführers
Nahaufnahme des Reliefführers „Der Große Garten in Hannover-Herrenhausen“

Die DZB produzierte im Auftrag des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Niedersachsen e. V. den Gartenführer „Der Große Garten in Hannover-Herrenhausen“. Wir sprachen mit dem hochgradig sehbehinderten Autor Martin Rembeck. Er erzählt Interessantes über seine Arbeit als Klavierstimmer und Klavierlehrer, seine Vorträge zur „klingenden Kulturgeschichte“ und die faszinierenden Berührungspunkte zwischen Musik und anderen Künsten. Natürlich stellt er uns auch das barocke Meisterwerk, den Großen Garten in Hannover-Herrenhausen, vor.

Wie kam es dazu, dass Sie den Beruf eines Klavierstimmers erlernten?

Seit meinem 11. Lebensjahr bekam ich an der Blindenschule in Paderborn Klavierunterricht. Dabei bin ich viel lieber hinter einem Fußball hergelaufen. Aber dann funkte es doch. Ich hörte schon früh viel klassische Musik. Musik spielte eine besondere Rolle in meinem Leben. Außerdem interessierte ich mich für die ausgeklügelte Technik des Klaviers.

Warum haben Sie dann noch Klavierlehrer studiert?

Die Perspektiven für ein Musikstudium eröffneten sich während der Klavierstimmer-Ausbildung in Berlin. Neben den praktischen Fertigkeiten, die zum Klavierstimmen benötigt werden, erhielt ich Unterricht im Fach Klavier und Harmonielehre. Nach der Ausbildung habe ich zunächst für ein großes Klavierhaus in Westfalen als Klavierstimmer gearbeitet, wollte aber meine musikalischen Fähigkeiten besonders im pädagogischen Bereich ausbauen. Ich studierte von 1981 bis 1985 am Richard-Strauss-Konservatorium in München.

Was gefällt Ihnen mehr – die Arbeit als Klavierstimmer oder als -lehrer?

Ob man einen schwarzen Tastenkasten auf Vordermann bringt oder mit einem Schüler arbeitet, gute Stimmung ist wichtig. Beide Berufe übe ich gern aus. Ich liebe die Abwechslung. Wenn ich mit dem einen Fach beschäftigt bin, regeneriere ich mich in dem anderen Bereich. So gehe ich immer wieder mit neuer Frische und Energie ans Unterrichten oder ans Stimmen.

Sie leiteten 1999 eine Fortbildung für blinde Klavierstimmer in Peking. Welche Eindrücke nahmen sie von Ihrer Reise mit nach Hause?

Der Unterricht war von großem gegenseitigen Vertrauen und Zutrauen geprägt. Ich habe die Auszubildenden in der Klavierstimmer-Ausbildung an eine Art des Hörens herangeführt, die ihnen sehr fremd ist. Die Asiaten lieben objektive Kriterien und entsprechende Anweisungen. Beim Klavierstimmen kommt aber eine subjektive Einschätzung des gesamten Klangbildes hinzu. Das wird verständlich, wenn man sich vorstellt, dass es bis auf wenige Ausnahmen nur leicht verstimmte Intervalle gibt. Man stelle sich vor, man würde Sand auf einer Tischplatte so gleichmäßig verteilen, dass der Sand von oben betrachtet nicht mehr als Fremdkörper wahrgenommen wird. Auf diesen Spagat zwischen objektiven Kriterien einzelner klanglicher Ereignisse und ganzheitlichem Erfassen haben sie sich eingelassen.

2012 wurde Ihre Klavierschule “Punkt für Punkt – für Sehende und Blinde” veröffentlicht. Wodurch unterscheidet sich die Klavierschule von anderen?

Der Interessensverband blinder Musiker „Notennetzwerk“ fasste bereits vor 20 Jahren den Beschluss, Lehrwerke zu schreiben, mit denen sehende Musiklehrer blinde Kinder auf Basis der Blindennotenschrift unterrichten können. Ich widmete mich dem Klavierpart. Es war für mich keine Frage, dass die Vermittlung der Notenschrift und klavierpädagogische Aspekte zusammenfließen müssen. In den 40 Kapiteln werden die Notenschriftzeichen sukzessive eingeführt. Das ist bei der Übertragung einer konventionellen Klavierschule so ohne Weiteres nicht möglich. Der zweite Vorteil für einen sehenden Lehrer besteht darin, dass die Abbildung der Brailleschrift unmittelbar unter dem Schwarzdruck steht. Randziffern verweisen im Schwarzdruck auf die Seitenangabe in der Punktschriftausgabe. Der Lehrer kann die Braillenotenschrift mitlernen. Auf jeden Fall kann er mitverfolgen, wo der blinde Schüler sich in seiner Punktschriftausgabe befindet.

Sie sind als Dozent an der Musikschule in Soest tätig, vermitteln Kurse rund um das Klavier und halten musikalische Vorträge. Worum geht es in den musikalischen Vorträgen?

Meine Vorträge und Kurse kann man unter den gemeinsamen Nenner „Klingende Kulturgeschichte“ stellen. Es geht mir darum, interdisziplinäre Zusammenhänge zwischen musikalischen und außermusikalischen Themen zu vermitteln. Musikgeschichte, Stilkunde, Komponistenportraits, Werkeinführungen, Sozialgeschichte, Entwicklung des Klavierbaues parallel zur Klaviermusik. Diese Querverbindungen werden meines Erachtens zu wenig vermittelt. Ich halte es mit dem ungarischen Komponisten und Pädagogen Zoltàn Kodály: „Je tiefer ihre Wurzeln in vergangene Jahrhunderte hinabreichen, desto weiter strahlt sie in die Zukunft. Die Laubkrone des Baumes wächst so hoch hinauf, wie seine Wurzeln in die Erde reichen.“ Ist das nicht ein schönes Bild?

Drei Broschüren: Relief-, MAXI-Druck- und Brailleschrift
Reliefführer mit MAXI-Druck-Broschüre und Brailleschrift-Ausgabe

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Gartenführer für die Herrenhäuser Gärten zu schreiben?

Stellen wir uns zunächst die Frage: Was haben Musik und Architektur miteinander zu tun? Schon die Griechen wussten, dass sich musikalische Intervalle (Terzen, Quinten, Quarten usw.) auch in Zahlenverhältnissen darstellen lassen. Die Baumeister haben seit der Antike, vielleicht schon früher, die formale Gestaltung eines Bauwerks nach diesen Proportionen konzipiert. Das war so bis ins 18. Jahrhundert. Dann verliert es sich allmählich. Nach einem streng geometrischen Muster wurde auch der Große Garten in Hannover-Herrenhausen angelegt. Während viele Barockgärten umgestaltet wurden, ist der Große Garten der einzige nördlich der Alpen, der mit seiner strengen geometrischen Planung erhalten geblieben ist. Auch das Heckentheater und das Skulpturenprogramm mit Darstellungen aus der griechischen und römischen Mythologie sind nahezu vollständig. Es ist also eine wunderbare Gelegenheit über die bunten Blumen hinaus über die Zeit der Entstehung des Gartens Grundsätzliches zu erfahren.

Stellen Sie bitte den Gartenführer vor!

Zunächst gibt es ein einführendes Kapitel über das Barock. Dann wird die Gartenlandschaft mit Schwerpunkt auf den Großen Garten beschrieben. Kleine Einschübe im Text, so genannte Intermezzi und Klangbeispiele auf einer beiliegenden CD, vermitteln vertiefende Zusammenhänge, z. B. zwischen Musik und Architektur. Der Gartenführer ist mit einem Textteil, wahlweise in Punktschrift oder Schwarzschrift, und einem Kartenteil gleichermaßen für blinde und sehende Nutzer erschienen.

In welcher Region des Gartens halten Sie sich besonders gern auf?

Es gibt keinen speziellen Lieblingsort. Ich bin ebenso gerne im Heckentheater wie auch in einem der kleinen Sondergärten oder an der großen Fontäne.

Sie bieten Führungen durch den Großen Garten an. An welchen anderen Orten noch?

Seit 1996 mache ich Führungen im Großen Garten. Dann kam folgerichtig das Gartenreich in Dessau-Wörlitz hinzu. Seit zwei Jahren gehöre ich zum Team der Domführer in Hildesheim. „Musikalisches Leipzig“ ist ebenfalls ein beliebtes Thema. Zur Kathedrale in Chartres und nach Paris habe ich Gruppen begleitet. Bei den Führungen werfe ich zunächst einen Blick auf die Konzeption (z. B. die Planungsgeschichte einer Stadt). Dann werden die Details (Gebäude usw.) erklärt.

Haben Sie Ihr Hobby zum Beruf gemacht?

Ich reise gerne, unternehme Städtetouren. Auch Wandern und Singen im Chor gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Welche Bücher lesen bzw. hören Sie gern?

Ich bin Nutzer der DZB. Ich höre gerne Sachbücher zu den Themen Geschichte, Philosophie, Theologie, Psychologie, gelegentlich auch Romane, z. B. von Balzac, Fontane, Thomas Mann oder Dostojewski.

Was ist Ihr Lieblingsgeräusch?

Im Gedenken an meine Lieben das Entkorken einer Weinflasche? Das Plätschern eines Baches? Der Wind in den Bäumen? Alles hat seine Schönheit.

„Der Große Garten in Hannover-Herrenhausen – ein Führer für Blinde, Sehbehinderte und Sehende“ mit Kartenteil, Textteil in Punktschrift oder Großschrift und DAISY-CD mit Klangbeispielen.
Der Gartenführer ist im Schloss Herrenhausen und beim Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen für 30 Euro oder zur Ausleihe erhältlich,
Tel.: 0511 5104218.
Weitere Infos
Internet: www.martin-rembeck.de
E-Mail: info@martin-rembeck.de
Tel.: 0511 550417.

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