Eine barrierefreie Fibel für den Inklusionsunterricht ─ unmöglich oder machbar?

Der achtjährigen Laura macht das Lesen großen Spaß. Sie ist blind und lernt gemeinsam mit sehenden Kindern in einer inklusiven Grundschule. Sie liest im selben Lesebuch wie ihre Mitschüler. Die farbigen Illustrationen mit Teddybär, Elefant und dem fleißigen Bienchen werden beschrieben, die kleine Raupe kann sie mit ihren Fingern tasten. Das finden auch alle sehenden Kinder ganz toll. Eine Situation, die leider noch keine Realität ist, denn solche Lesebücher für den Inklusionsunterricht gibt es nicht. Für Schulbuchverlage ist die Produktion viel zu teuer.

Hier muss sich etwas ändern, meinte Julia Dobroschke und untersuchte in ihrer Doktorarbeit die Produktionsprozesse in Schulbuchverlagen mit dem Ziel, herauszufinden, inwieweit Verlage in Zukunft auch Lehrbücher, insbesondere Fibeln, für den Inklusionsunterricht entwickeln und herstellen können. Wie müssen die Lehrbücher von Anfang an konzipiert werden, damit sie allen Kindern, auch blinden und sehbehinderten, im Inklusionsunterricht zugänglich sind? Die 34-Jährige ist seit 2009 in der DZB. Nach ihrem Studium (Verlagsherstellung an der HTWK Leipzig) leitete sie das Leibniz-Projekt, das die barrierefreie Sach- und Fachbuchaufbereitung für blinde und sehbehinderte Menschen zum Thema hatte. Sie arbeitete als Produktgestalterin und im Förderverein der DZB und promovierte im Winter 2015. Zurzeit kümmert sich Dr. Julia Dobroschke für die Abwicklung der Projekte bei BIKOSAX (Kompetenzzentrum für barrierefreie Informations- und Kommunikationsangebote). Ist die junge Frau nicht in der DZB zu finden, dann ganz sicher in ihrem Garten, in dem sie Vieles zum Blühen bringt, oder aber sie ist irgendwo in der Welt unterwegs. Wir sprachen mit Julia Dobroschke über ihre Doktorarbeit und wollten von ihr wissen, wie Lehrbücher für den Inklusionsunterricht hergestellt werden können.

Wie muss eine barrierefreie Fibel für den Inklusionsunterricht aussehen?

Möglichst viele Kinder werden angesprochen, wenn die Aufmachung der Lernmaterialien auch nach visuell-ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet wird und Kinder ohne Einschränkungen genauso anspricht und motiviert, wie Kinder z.B. mit einer Sehbehinderung. Das Alphabet mit Hilfe eines festgelegten Buchstabenlehrganges zu erlernen, ist in Inklusionsklassen nicht ohne weiteres möglich, da die Einführung der Buchstaben bei blinden Kindern eine andere ist als bei sehenden: Deshalb müsste das Lehrwerk für den Schriftspracherwerb sehr flexibel in der Handhabung sein. Ein gebundenes Buch ist dafür wahrscheinlich ein zu starres Format. Denkbar wäre da z. B. ein Lernmaterial, was frei bearbeitbar ist und bequem in einer Sammelordnerlösung aufbewahrt werden kann. Einzelne Teile sind vielleicht sogar selbst gestaltbar oder veränderbar (z.B. Buchstaben am richtigen Platz ankletten oder aufkleben), sodass auch mehr Interaktivität mit dem Lernmaterial stattfinden kann. Das hilft wiederum auch anderen Kindern, ganz individuell mit dem Lernmaterial zu arbeiten.

In Ihrer Doktorarbeit geht es sehr viel um das Universelle Design – was ist das?

Universelles Design bedeutet, dass Produkte und Anwendungen für eine größtmögliche Zielgruppe zugänglich und nutzbar gestaltet wurden. Im Inklusionsunterricht sind das barrierefreie Lehr- und Lernmaterialien, die Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam nutzen. Wenn man Schulbücher entwickelt, die auch barrierefrei sein sollen, dann müssen neben rein visuellen Inhalten wie Grafiken oder Illustrationen auch andere Lernangebote bereitgestellt werden, z.B. akustische Informationen oder taktile Elemente. Dadurch wird der Lerninhalt hörbar und/oder im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar.

Wie müssten die Schulbuchverlage ihre Produktion organisieren, damit barrierefreie Schulbücher für den Inklusionsunterricht hergestellt werden können?

Die Überlegungen, die ich angestellt habe, setzen bereits bei der Konzeption des Lehrwerkes an. Dafür werden schon jetzt Schulbuchteams im Verlag zusammengestellt und man diskutiert z.B. über die Ausstattung oder das didaktische Konzept. Bereits hier müssten zukünftig Berater aus dem sonderpädagogischen Bereich involviert sein, um für die speziellen Bedürfnisse von Kindern mit visuellen Einschränkungen zu sensibilisieren. Weiterhin müssten die Lerninhalte wesentlich modularer erarbeitet werden, damit sie später flexibler zu individuellen Lerneinheiten zusammengestellt werden können. Dazu gibt es bereits technische Verfahren, die vor allem im E-Book-Bereich oder bei Wissenschaftsverlagen etabliert sind und unter dem Begriff elektronisches Publizieren zusammengefasst werden. Im Schulbuchbereich sind diese eben beschriebenen Strukturen relativ neu und werden noch einige Zeit brauchen, bis sie sich im Arbeitsalltag bzw. in der Arbeitsweise durchsetzen.

Welche häufigen Probleme bzw. Besonderheiten zeigen sich bei der Produktion inklusiv konzeptionierter Lehrbücher?

Schwierig bleibt sicher die Berücksichtigung zum Teil sehr unterschiedlicher Lernbedürfnisse. Umso wichtiger ist eine geschickte Kombination von verschiedenen Medien, die unterschiedliche Sinne ansprechen.

Wo liegt Ihrer Meinung nach der Vorteil für die Verlage?

Wenn sie grundsätzliche Arbeitsweisen aus dem elektronischen Publizieren besser berücksichtigen würden, z.B. das medienneutrale Erarbeiten von Inhalten, wäre das vor allem für die eigenen Prozessabläufe im Verlag von Vorteil, da so effektiver produziert werden könnte. Dazu kommt, dass der wichtige Schritt zu mehr Barrierefreiheit getan wäre und Verlage somit in der Lage wären, ggf. neue Zielgruppen bzw. Geschäftsfelder zu erschließen.

Was sagen die Verlage zu Ihrem Konzept?

Keiner der in meiner Doktorarbeit aufgezeigten Vorschläge wurde von den Verlagen als unrealistisch in der Umsetzung eingeschätzt. Gerade im konzeptionellen Bereich werden hier gute Chancen eingeräumt. In der Produktion sieht man die Veränderung ebenfalls notwendig, wobei hier bisher hohe Investitionskosten abschreckend wirken. Allerdings müssen diese durch den allgemeinen digitalen Wandel ohnehin früher oder später getätigt werden. Da sind sich die Verlage einig. Somit stehen auch in diesem technischen Bereich die Chancen gar nicht so schlecht, dass mehr Barrierefreiheit zukünftig auch in Schulbuchverlagen umgesetzt werden könnte.

 

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