Kunstgenuss mit taktilem Orientierungsplan und Audioguide

Zwei Hände tasten Relief eines Orientierungsplanes
Taktiler Orientierungsplan durch das Residenzschloss

Die DZB hat für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) ein Begleitbuch für blinde und sehbehinderte Kunstfreunde hergestellt, das durch die Museen im Residenzschloss Dresden führt.

Wer eines der Museen des Residenzschlosses in Dresden besucht, gelangt über den kleinen Schlosshof des prächtigen Renaissance-Bauwerkes zu den Eingängen. Arkaden und Ziergiebel lenken den Blick des Besuchers auf sich. Ganz besonders aber staunt man über das scheinbar schwebende durchsichtige Membrandach, das die vielen Ziergiebel überwölbt und so repräsentativ Moderne und Tradition vereint. Das Residenzschloss liegt mitten in der Dresdner Altstadt am Theaterplatz. Es beherbergt Museen und Ausstellungen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD): das Historische und Neue Grüne Gewölbe, das Kupferstich-Kabinett, das Münzkabinett, die Rüstkammer im Riesensaal.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden barrierefrei

Die SKD zählen zu den drei großen Museumsinstitutionen Deutschlands. Ihre Traditionslinie reicht bis in das Jahr 1560 zurück, als Kurfürst August im Dresdner Residenzschloss die Kunstkammer gründete. In dem heutigen Verbund sind 14 international renommierte Museen vereinigt, wie beispielsweise die Gemäldegalerie Alte Meister, das Grüne Gewölbe, die Skulpturensammlung und der Mathematisch-Physikalische Salon.
Seit 2011 beschäftigen sich die SKD immer mehr mit dem Thema Inklusion. So spielt Barrierefreiheit in den Ausstellungskonzepten eine wichtige Rolle. Alle Besucher sollen Zugang zu den Museen haben und die Kunst problemlos genießen können. „Bis auf das Museum für Völkerkunde sind alle Museen der SKD stufenfrei zugänglich. Leitsysteme beispielsweise im Residenzschloss, dem Zwinger oder Albertinum unterstützen die Besucher bei der Orientierung“, erklärt Ramona Nietzold. Sie ist Museumspädagogin und arbeitet in der Abteilung Bildung und Vermittlung der SKD. Zu ihren Aufgaben gehört die Koordination und Umsetzung der Barrierefreiheit und Inklusion im Bereich der Vermittlung. „In den verschiedenen Dauer- und Sonderausstellungen bieten wir regelmäßig für Menschen mit Behinderung Veranstaltungen an. Wir konzipieren gemeinsam mit Betroffenen integrative, aber auch inklusive Workshops, Führungen oder kreative Werkstattkurse für Blinde und Sehbehinderte, für Gehörlose und Menschen mit Lernschwierigkeiten in Leichter Sprache.“

Taktile Grundrisse, Schwellkopien und Druckgrafiken als Duplikate

Damit blinde und sehbehinderte Menschen das Residenzschloss als Ganzes erleben, die Lage der Museen umfassend erfahren und sich dadurch besser orientieren können, beschlossen die SKD ein Begleitbuch zu erarbeiten. „Durch die bisherige Kooperation mit der DZB war schnell klar, dass die Kunstsammlungen hier einen kompetenten Partner an der Seite haben, mit dem diese Idee umgesetzt werden kann“, so Nicol Speer, Museumspädagogin. Das Buch liefert für jede Etage, beginnend im Erdgeschoss, einen taktilen Grundriss mit wichtigen Informationen. Außerdem beinhaltet es, bezogen auf die Etagen, taktile Grundrisse für jede Ausstellung. Diese zeigen Ein- und Ausgänge, die Standorte der Vitrinen und die Sitzgelegenheiten. Ausgewählte Objekte, dargestellt auf Schwellpapier, ergänzen das taktile Erlebnis in diesem Buch. An dessen Ende werden originale Druckgrafiken des Kupferstich-Kabinetts gezeigt, die für dieses Buch extra hergestellt wurden. Sie demonstrieren die Drucktechniken des Tiefdrucks als Radierung und Kaltnadelradierung und des Hochdrucks als Holzschnitt und ermöglichen damit einen erweiterten Zugang zu den Kunstformen.
„In Gesprächen entwickelten wir gemeinsam mit den Staatlichen Kunstsammlungen die Idee des Begleitbuches weiter. Ende April konnte der Auftrag an die SKD übergeben werden“, berichtet Sandra Kirsche von der Auftragsverwaltung der DZB.

Inklusives Projekt in den SKD

Das Begleitbuch ist Teil eines umfassenden inklusiven Projektes der Institution, zu dem auch die Erweiterung der Audioguide-Führungen im Residenzschloss gehört. Es wurden Führungen in audiodeskriptiver Form für blinde und sehbehinderte Menschen, in Leichter Sprache und Gebärdensprache erarbeitet, die jetzt für Besucher des Historischen und Neuen Grünen Gewölbes, der Türckischen Cammer, des Riesensaals und des Münzkabinettes zur Verfügung stehen.
Ein 1,50 x 1,50 m großes Bronzemodell des Residenzschlosses im Maßstab 1:125 ergänzt das inklusive Projekt. Damit werden Fassaden und die Dachkonstruktion für alle Gäste, besonders aber für Blinde und Sehbehinderte, erfahrbar gemacht. Sogar die Sgraffito-Malerei im gesamten Innenhof ist im Bronzemodell zu ertasten.

3D-Modell als Tasterlebnis

Exponate in Museen sind für Besucher meist visuell erlebbar und nicht zu ertasten. Damit Menschen mit Sehbeeinträchtigung Kunstwerke ganzheitlich erfahren können, müssen ihnen Repliken, Materialproben und andere Tastobjekte zur Verfügung gestellt werden. Hier entwickelten die SKD Konzepte für inklusive Veranstaltungen und Ausstellungen, in denen auf die Bedürfnisse und Ansprüche von Menschen mit und ohne Behinderung eingegangen wird. Ein gutes Beispiel dafür war die Sonderausstellung „Begegnung mit Rom ─ Druckgraphik des 18. Jahrhunderts“ im Kupferstich-Kabinett im letzten Jahr. In dieser wurde Piranesis grafische Zeichnung „Der Runde Turm“ mithilfe eines 3D-Modells besonders für Blinde und Sehbehinderte zu einem einzigartigen Tasterlebnis. Nach der Ausstellung kommt das Modell bei Veranstaltungen für blinde und sehbehinderte Kunstfreunde, aber auch für alle Besucher, bei der Vermittlung von Kunst zum Einsatz.

SKD auf dem Prüfstand

„Barrierefreiheit sollte ein Qualitätsmerkmal von Museen sein. Zugegeben es ist ein hoher Anspruch, denn Barrierefreiheit in Kunstmuseen, erst recht in historischen Gebäuden, ist nicht von jetzt auf gleich umzusetzen. Barrierefreiheit ist eher als Prozess zu verstehen“, meint Ramona Nietzold. „Wir haben ein ehrenamtliches Gremium bestehend aus Menschen mit verschiedenen Behinderungen zusammengestellt, das ein Jahr lang die Museen des Residenzschlosses auf Barrierefreiheit überprüft hat.“ Sind die Exponate für Rollstuhlfahrer zugänglich und gut zu sehen, sind die Texte der Audioguides verständlich, die Informationen kontrastreich gestaltet und die Schrift nicht zu klein ─ das alles waren Kriterien, die Betroffene testeten. Das Gremium hat die unterschiedlichsten Barrieren aufgezeigt, die es nun gilt, Schritt für Schritt zu beseitigen, so dass alle Besucher das kulturelle Erbe genießen können. Ein richtiger Schritt in diese Richtung ist ganz sicher auch das Begleitbuch für blinde und sehbehinderte Kunstfreunde in den SKD.

Information
Führungen für Blinde und Sehbehinderte: Anmeldungen beim Besucherservice unter besucherservice@skd.museum oder unter 0351-49142000

 

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