Wie barrierefreie Comics entstehen

Ob Mangas, Micky Maus oder Lucky Luke – mit ihren fantasievollen Illustrationen sind Comics seit Generationen der Renner bei Kindern und Erwachsenen. Sie sind an kein Genre gebunden, können witzig, spannend und informativ sein. Aber wie stellt man einen barrierefreien Comic für blinde und seheingeschränkte Menschen dar? Darüber machen sich Studentinnen und Studenten der Kommunikations- und Medienwissenschaft, Fachbereich Buchwissenschaft, an der Universität Leipzig und deren Dozent Prof. Dr. Thomas Kahlisch einen Kopf. Der Honorarprofessor und Direktor der DZB gibt den Studierenden in seinem Seminar „Das Buch als Medium ─ Die Zukunft barrierefrei“ Einblick, wie barrierefreie Bücher produziert werden. Dabei spielt die Audiodeskription (Bildbeschreibung) eine wichtige Rolle. Lisanne Suborg (3. Mastersemester Kommunikations- und Medienwissenschaften) erzählt, was für eine gelungene Bildbeschreibung wichtig ist.

Welchen Comic haben Sie sich ausgewählt und warum gerade diesen?

Wir hatten einige Comics zur Auswahl. Mir hat „Hilda und der Troll“ von Luke Pearson sofort zugesagt. Es ist ein sehr liebevoll gestalteter Comic, an dem sich sowohl Kinder als auch Erwachsene erfreuen können. Für mich hatte der Comic etwas sehr Gemütliches und Behagliches, das ich gern auch Nichtsehenden vermitteln wollte. In dem Comic, dem zweiten Teil der Hilda-Reihe, geht es um das Mädchen Hilda, das mit seiner Mutter und ihrem Haustier, das wie ein weißblauer Fuchs oder ein Eichhörnchen aussieht, im Wald lebt. Bei einem Ausflug entdeckt sie einen Troll, der tagsüber als Fels getarnt ist.

Welche Strategie haben Sie für die Umsetzung der Bildbeschreibung entwickelt? Welches waren Ihre ersten Schritte?

Wir haben in der Gruppe in mehreren Schritten überlegt und diskutiert, wie eine Bildbeschreibung umgesetzt werden soll und Leitlinien festgelegt. Ziemlich schnell wurde klar, dass dem Nutzer Zusatzinformationen, z.B. über den Autor, zugänglich gemacht werden sollen. Wir sprachen über Schwierigkeiten, die beim Texten auftreten könnten und fanden Lösungen, z.B. beim Umgang mit klassischen Comicgeräuschen wie „Peng“ oder bei sehr detailreichen Bildern.

Wie beschreiben Sie die Bilder ihres ausgewählten Comics?

Die Bildbeschreibung erfolgt im Präsens. Der Comic soll sprachlich lebendig, aber übersichtlich erzählt werden. Es gelten die Stichworte: knapp, präzise, lebendig. Die Bildbeschreibungen enthalten Informationen über die Schauplätze, die Handlung, das Aussehen der vorkommenden Figuren sowie deren Körpersprache und Gesichtsausdrücke.

Zur besseren Orientierung bekommt jedes Bild eine Nummernansage. Nach dem Umblättern wird auch die Seitenzahl angesagt. Auf einer neuen Seite beginnt die Bildzählung wieder von vorn (Beispiel: Seite 2, Bild 1). Jede neue Szene bekommt eine Szenenbeschreibung. Verändert sich die Umgebung nicht, wird diese auch nicht erneut beschrieben. Außerdem bekommt der Nutzer zu jeder neuen Szene eine Orientierung über den Ort und ggf. die Zeit. Generell soll nicht auf wörtliche Rede verzichtet werden, da sie die Szenen lebendig macht.

Wie ist Ihre Bildbeschreibung aufgebaut?

Zuerst werden Informationen zu Comic und Autor gegeben, dann folgt eine Beschreibung des Covers und des Vorsatzpapiers. Optional wird danach eine Beschreibung der im Comic enthaltenen Landkarte angeboten, der Hörer kann aber auch sofort zur Audiodeskription der Geschichte navigieren.

Audiodeskription bei Comics

Wie ist das mit Comicgeräuschen wie Peng usw.?

Comicgeräusche sollen möglichst genau, aber im Idealfall in einem Satz wiedergegeben werden. Sind die Geräusche lang anhaltend oder nicht gut in einem Satz zu beschreiben, können sie durch ein lautmalerisches Verb oder Adjektiv beschrieben werden. Im Comic verbringt Hilda eine regnerische Nacht draußen im Zelt. Die Regentropfen prasseln unablässig auf das Zeltdach, dargestellt wird es durch den Laut „Pt“, der in den Bildern ergänzend zu den Regentropfen zu sehen ist. Oder ein weiteres Beispiel: „Von innen ist der Zelteingang zu sehen. Ein unheimliches Geräusch dringt von draußen herein. Ein „Rrar Rrar“, das deutlich durch das Regenprasseln zu hören ist.“ Es ist immer Gefühlssache zu entscheiden, wie man das Geräusch einbaut. Der Regen ist eher ein lang anhaltendes Hintergrundgeräusch, das die Atmosphäre mitbestimmt, während das „Rrar Rrar“ einen inhaltlichen Impuls gibt.

Was machen Sie bei sehr detailreichen Bildern?

Bei der Beschreibung von Bildern mit vielen Details soll die Deskription sich auf den Gesamteindruck konzentrieren und einige wenige Details als Beispiel nennen.

Was ist für Sie das Wichtigste, damit die Audiodeskription (AD) eines Comics gelingt?

Es ist wichtig, dass der Nutzer alle Informationen bekommt, die auch der sehende Nutzer des Comics erhält. Mindestens genauso wichtig ist es aber, dass der Nutzer Spaß daran hat, die AD zu hören. Die Sprache muss präzise und kurzgefasst, sie muss aber auch lebendig und abwechslungsreich sein. Auch die Übersichtlichkeit und Orientierung in der AD ist von Wichtigkeit, um eine einfache, unkomplizierte Nutzung zu gewährleisten.

Was ist das Schwierige bei der Audiodeskription eines Comics?

Die AD muss einerseits ausführlich genug erzählen, darf dabei den Hörer aber nicht mit zu vielen Informationen und Details überladen. Die Gradwanderung gestaltet sich manchmal sehr schwierig. Trotz der erforderlichen Genauigkeit soll der Comic auch als Hörversion ein Unterhaltungsmedium bleiben. Der Hörer muss der Geschichte gut folgen können und es als angenehm empfinden, sie zu rezipieren. Das ist nicht so einfach.

 

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