Wo Note für Note gehört, Stakkato und Triller angesagt werden

aufgeschlagenes Notenwerk mit Braillenotenheft
Übertragung in Braillenoten

Wenn Felix Mendelssohn Bartholdy wüsste, dass sein gesamtes Orgelwerk auch blinden Musikern in Braillenotenschrift zur Verfügung steht, würde ihn das sicher ehren. Blinde Organisten wiederum ehren den Komponisten, in dem sie seine Werke spielen. Das ist möglich, weil in der DZB Noten produziert werden. Neues über den Notenübertragungsservice DaCapo.

Er ist Musikwissenschaftler wie er im Buche steht, ein Experte auf seinem Gebiet, kompetent und akribisch genau. Felix Purtov, seit 13 Jahren in der DZB tätig, arbeitet im Bereich Notenübertragungsservice DaCapo als Gruppenleiter, organisiert und koordiniert Notenaufträge, überträgt und korrigiert Noten in Brailleschrift. Er war von Anfang an mit dabei, als 2003 das Projekt DaCapo startete, aus dem 2009 der gleichnamige Notenübertragungsservice DaCapo hervorging. Die in diesem Projekt entwickelte Software ermöglicht es, Notenwerke anforderungsorientiert und computergestützt zu übertragen.

Im Jahr 2016, so berichtet Felix Purtov, produzierten wir 37 Notentitel, wobei jeder Titel meist mehrere Bände umfasst. Hinzu kommen ca. 220 individuelle Aufträge, die für Privatkunden bearbeitet wurden. So hat DaCapo unter anderem solche bedeutenden Notenwerke, wie die gesamten Orgelwerke Felix Mendelssohn Bartholdys, das Freiburger Chorbuch mit mehr als 130 Werken, das berühmte „Te Deum“ von Antonín Dvořák und Charles Gounods Messe G-Dur op.12, auch „Cäcilienmesse“ genannt, in Braillenotenschrift übertragen.

Notenwerke berühmter Komponisten in Auftrag

„Unsere Auftraggeber sind blinde Berufs- und Laienmusiker, Sängerinnen und Sänger, Organisten, Gitarristen, Pianisten, aber auch blinde Musiklehrer an Schulen“, berichtet Felix Purtov. „Ohne Braillenoten könnten blinde Musiker ihren Beruf nicht ausüben. Sie geben meist einen Teil des Notenwerks bei uns in Auftrag, eine Stimmlage oder eine Solopartie, die sie gerade als Sängerin oder Pianist brauchen. Wir entscheiden je nach Bedeutung des Notenwerkes und Bestand unserer Musikbibliothek, ob das gesamte Notenwerk bei uns übertragen werden soll.“ Kommt es zur Produktion des Werkes mit allen Partien bzw. Chorstimmen, wird es gedruckt, in die Musikbibliothek der DZB eingestellt und kann ausgeliehen werden. Musikwissenschaftler Felix Purtov benennt Mendelssohns Orgelwerk als Beispiel und erklärt, dass nur Band 2 und 3 beauftragt wurden. Die DZB hat zusätzlich Band 1 übertragen. Nun steht das gesamte Orgelwerk mit neuen Quellen auch für die Ausleihe bereit. Zurzeit bei DaCapo in Arbeit ist „A Sea Symphony“ von Ralph Vaughan Williams. Der Verein „Leipzig singt“ wird diese Sinfonie 2016 aufführen. Eine blinde Chorsängerin hat deshalb die Noten für die Sopranstimme in Auftrag gegeben. Da das Notenwerk des bekannten englischen Komponisten, der um die Jahrhundertwende gelebt hat und Vokal- und Instrumentalwerke schrieb, noch nicht in Braillenotenschrift übertragen wurde, produziert die DZB das Werk in seiner Gesamtheit (Solopartien und alle Chorstimmen). Felix Purtov zählt noch einige wichtige Notenwerke auf und zeigt die Originalnotenhefte dazu.

Einer, der jede einzelne Note hören kann …

„Bei DaCapo, unserem Notenübertragungsservice, arbeiten zurzeit vier Kollegen“, erzählt der Musikwissenschaftler. „Wir scannen die Noten zunächst ein, bearbeiten sie dann mit dem Notensatzprogramm Capella und übertragen diese mit der bei uns entwickelten Software Hodder in Braillenoten. Danach werden die Aufträge und Bibliotheksproduktionen von einem sehenden und blinden Musikexperten Korrektur gelesen.“ Jeden Monat kommt der blinde Konzertsänger Lothar Littmann aus Oldenburg für eine Woche nach Leipzig. Er hört jede einzelne Note, die Felix Purtov ihm auf dem E-Piano vorspielt und überprüft die Braillenoten auf dem Blatt Papier. Wichtig für ihn ist, dass sein Partner alle musikalischen Zusatzzeichen wie beispielsweise Bindebögen, Dynamik, Artikulation wie Stakkato und Crescendo ansagt. „Alles das, was außer den Noten in einem Werk steht und angibt, wie etwas gespielt werden soll, muss genannt werden. Es gibt klare Regeln, was vor und nach der Note zu stehen hat, z. B. Artikulation vor und Bindebögen nach der Note“, erklärt der Konzertsänger. Kompositionen, die mit wenigen Zusatzzeichen auskommen, sind dementsprechend schneller Korrektur gelesen als Werke mit vielen.

Genaue Korrektur der Noten ist wichtig

„Gestern haben wir Liszts ‚Isoldes Liebestod‘ gelesen, das super kompliziert war. Für acht Seiten brauchten wir drei Stunden. Bei Bachs Doppelkonzert für zwei Cembali überprüften wir in der gleichen Zeit 25 Seiten. Hier gibt es nur einzelne Bögen, wenig Verzierungen und ganz einfache Triller“, erzählt Lothar Littmann, der auch noch als Sänger und Gesangslehrer in seiner Heimatstadt tätig ist. Er schwärmt für den wunderbaren Mittelsatz von Bachs Doppelkonzert und betont, dass eine genaue Korrektur der Noten sehr wichtig ist, denn eine falsche Punktkombination verändert sofort den Ton. Fehler, die die Musikexperten finden, korrigieren sie dann sofort am PC. Bei komplizierten Werken wie Instrumentalmusik, in der es mehrere Varianten der Darstellung gibt, suchen beide nach optimalen Lösungen.

„Jesu meine Freude“ in Großdrucknoten

Seit Ende letzten Jahres überträgt die DZB auf individuellen Wunsch ihrer Auftraggeber Noten für Gesang, Chor und Klavier in Großdruck. Hier werden die gescannten Noten mithilfe der Software, die auch Braillenoten erzeugt, bearbeitet. Dazu gehört die Festlegung eines Layouts, das sich beispielsweise über folgende Kriterien definiert: die Größe der Noten und Zusatzzeichen, Anzahl der Notenzeilen auf einer Seite, der Takte auf einer Zeile, der Chorstimmen bei mehrstimmigen Werken, bis hin zur Auswahl des Papierformats. „Die Großdrucknoten für einen Sänger haben zum Beispiel ein anderes Format als die für einen Klavierspieler“, erklärt Matthias Leopold, Entwickler der Programmsoftware. „Deshalb sind bei jedem Notenauftrag Absprachen mit dem Musiker sehr wichtig. Qualität zu liefern, bedeutet für uns, dass die Noten nicht nur praktikabel, sondern auch ästhetisch anspruchsvoll in Großdrucknoten umgewandelt werden.“ Mit dem Service sollen vor allem Berufs- und Laienmusiker angesprochen werden, die aufgrund ihrer Sehschwäche Noten sehr schlecht lesen können und denen es nicht möglich ist, Vergrößerungsgeräte einzusetzen. So wurden Großdrucknoten für Bachs Motette „Jesu meine Freude“ und Robert Schumanns Klavierstücke aus dem „Album für die Jugend“ in Auftrag gegeben.
Wenn Felix Purtov zur Notennetzwerktagung fährt, wo sich Anfang des Jahres wieder Musikexperten, blinde Musiker und Verlagsvertreter treffen, wird er nicht versäumen, die Teilnehmer über den neuen Großdrucknotenservice der DZB zu informieren. Dann kann er auch von der Fertigstellung Mendelssohns Orgelwerke berichten.

 

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