„Augen zu und mal hören, wie ein Hörfilm wirkt.“

Dokumentarfilme über gesellschaftlich relevante Themen, wie zum Beispiel Ökologie, Klimaschutz und Demokratie sorgen in der Öffentlichkeit für engagierte Debatten. Das Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK) lässt seit einigen Jahren auch blinde und sehbehinderte Menschen daran teilhaben. Das Angebot an barrierefreien Hörfilmen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Ein Beitrag von Gabi Schulze.

 

Links DOK als Buchstaben vor einer Leinwand mit dem DOK-Logo
© DOK Leipzig 2019/ Susann Jehnichen

„Die Kamera schwenkt nach oben in die Baumkronen und langsam wieder nach unten. Sonne scheint durch die Bäume. Zwei Männer breiten ein großes weißes Tuch auf dem Waldboden aus.“ Aus den Kopfhörern ertönt nun lautes Vogelgezwitscher. Barbara Fickert lehnt sich entspannt in den Kinosessel. Sie hat die Greta-App gestartet, den gewünschten Film ausgesucht und die entsprechende Audiodeskription (AD) heruntergeladen. Die App erkennt den Filmstart automatisch und spielt die Audiodeskription synchron zum Film ab. Die blinde Kinogängerin und Filmkritikerin ist auch dieses Jahr extra aus Berlin nach Leipzig gekommen, um hier das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK) zu besuchen. Vom 28. Oktober bis 3. November laufen insgesamt mehr als 300 Filme aus der ganzen Welt, davon 17 Filme mit Audiodeskription. Das ist im Verhältnis ziemlich wenig. Aber immerhin: So haben auch blinde und sehbehinderte Filmfans Gelegenheit, das Festival zu erleben.

Eine motivierte Beraterin für Barrierefreiheit

„Ich bin glücklich, dass wir in diesem Jahr mehr Filme mit Audiodeskription anbieten können“, erzählt Susanne Jahn, Beraterin für Barrierefreiheit. Sie sitzt in der Programmabteilung des DOK und entscheidet gemeinsam mit dem Koordinationsteam, welche Filme sich für eine Filmbeschreibung eignen. Die studierte Ethnologin und Geographin ist das zweite Jahr beim DOK Leipzig dabei und kennt sich mit Filmfestivals aus. Schon als Studentin arbeitete sie in Organisationsteams verschiedener Filmfestivals in Tübingen. Seit drei Jahren lebt die in Hessen geborene junge Frau nun in Leipzig. Sie ist froh, dass sie als Inklusionsberaterin beim DOK arbeiten kann. „Ich hatte zuvor auch schon viel mit Technik, Kopien und Kinoformaten zu tun“, erklärt Susanne Jahn. „Insofern gibt es schon einige Berührungspunkte zu meiner jetzigen Arbeit im Bereich Barrierefreiheit. Ich finde, barrierefreie Filme sind eine total wichtige Sache.“

Die Leute müssen vom DOK erfahren

Das sah das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst ebenfalls so und förderte in diesem Jahr die Filmproduktion mit Audiodeskription. Susanne Jahn konnte mit Hilfe dieser Mittel Dienstleister beauftragen, die dann Filmbeschreibungen für einige ausgewählte Filme produzierten. Doch welche Filme kommen in die nähere Auswahl für eine Audiodeskription? Das sei ganz schön spannend, meint die junge Frau. Es gäbe schon einige Kriterien, wie beispielsweise viele Dialoge, interessante Musik und beeindruckende Audiosequenzen. Doch letztendlich entscheidet der Inhalt des Filmes. Schon im Vorfeld testet Susanne Jahn die ausgewählten Filme, für die von Dienstleistern eine Audiodeskription erstellt wurde. „Ich freue mich schon, die Hörfilme live im Kino zu erleben“, meint sie. „Augen zu und mal hören, wie ein Hörfilm wirkt.“

Kartenverkauf: Links Plakat des DOK, dahinter Verkaufstresen mit Menschen
© DOK Leipzig 2019/ Susann Jehnichen

Die Festivalwoche rückt immer näher. Susanne Jahn hat jetzt viel zu tun. Denn schließlich reicht es nicht aus, ein gutes Angebot an barrierefreien Filmen zu haben. „Die Leute müssen auch davon erfahren und ins Kino kommen“, meint die junge Frau. Deshalb knüpft sie Kontakte mit Verbänden, Vereinen, einzelnen Betroffenen und auch mit dzb lesen. Hier besucht sie den Stammtisch technikaffiner blinder und sehbehinderter Menschen, informiert über das barrierefreie Filmangebot des DOK und gewinnt Interessierte, die die neue DOK-Internetseite auf Barrierefreiheit testen werden.

Zwei, die dabei waren

Auch Sabine Meissner, die vom DOK über den DBSV erfuhr, gehört zu den Testerinnen. Das Festival kennt sie schon seit ihrer Studentenzeit. Als sie von den Filmen mit Audiodeskription hört, entschließt sie sich, ins Kino zu gehen und die Greta-App erstmals auszuprobieren. „Ich habe ‚Village of women‘ gesehen, einen armenischen Film, und war begeistert von der Premiere“, erzählt Sabine Meissner. „Es war ein sehr poetischer Film. Sowohl die Texte, als auch die Stimmen passten gut zueinander. Ich war sehr zufrieden mit den Bildbeschreibungen. Mein Dank gilt Frau Jahn, die sehr freundlich und hilfsbereit war.“ Beim Festival im nächsten Jahr möchte sie wieder dabei sein und dann aber mehr als nur einen Film mit Audiodeskription sehen.

Barbara Fickert besucht das DOK nun schon zum zweiten Mal. Beide Male wurde sie zum Festival eingeladen, weil sie die Organisatoren in Sachen Barrierefreiheit und Audiodeskription berät und unterstützt. In ihrem Blog „Kinoblindgängerin“ (www.blindgaengerin.com) berichtet sie über aktuelle Hörfilme. Sie selbst hat im letzten Jahr „Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH“ gegründet und erstellt Filme mit Audiodeskription. Die Filmkritikerin gibt ein sehr positives Urteil zu den Hörfilmfassungen des DOK: „Bis auf eine Ausnahme waren die Audiodeskriptionen gut bis sehr gut“, resümiert sie. „Leider habe ich nur 10 der insgesamt 17 Filme geschafft. Am besten gefiel mir ‚Russlands Milleniumskinder‘.“

Wenn man mit Susanne Jahn über das Festival und ihre Arbeit als Inklusionsbeauftragte spricht, merkt man ihr die Lust an den Herausforderungen an, etwa bei der Auswahl der Hörfilme, der barrierefreien Gestaltung der Internetseite oder bei der Öffentlichkeitsarbeit. Bleibt zu hoffen, dass viele blinde und sehbehinderte Menschen das Hörfilmangebot der DOK Leipzig angenommen haben und den Weg in die Kinos fanden. Dann hat sich auch die Arbeit von Susanne Jahn gelohnt.

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