Wo handwerkliches Geschick und Präzision gefragt sind

Stapel von Brailleschriftbüchern auf dem Tisch

Bücher von Hand hergestellt – gibt’s das noch? Aber sicher. Im dzb lesen geht es gar nicht anders. Buchbinderinnen, die das Handwerk von der Pike auf gelernt haben, fertigen Braillebücher und viele andere Produkte in kleinen Auflagen an.

In der Buchbinderei riecht es nach Leim. Auf großen Tischbänken stapeln sich geheftete Buchblöcke, die auf ihre Weiterverarbeitung warten. Daneben liegen Umschlagpapier und Pappen in derselben Größe. Eine Kiste mit Fälzeln steht an der Fadenheftmaschine. Ein schwerer gusseiserner Planscheider, eine neue Schneidemaschine und Prägepressen säumen die Gänge. „Das hier ist unser Planschneider. Er ist schon etwas in die Jahre gekommen. Weil er für das Buchbinden so wichtig ist, wird er bald gegen eine neue Schneidemaschine ausgetauscht“, erzählt Frank Becker, der Leiter der Buchbinderei/Druckerei. „Mit dem Planschneider wird Papier, Pappe und Kunststoff auf Format geschnitten. Hier bekommen die Kalender, die Seiten der Reliefkinderbücher, aber auch die Brailleschrift-Alphabete ihren Schnitt.“

Zurzeit haben die drei Buchbinderinnen alle Hände voll zu tun. Das zweite Klappbilderbuch der Reihe „Klapperlapapp“ wird mit einer Stanzung und Ringbindung versehen. „Fühl mal, ein Tier!“ erscheint in einer Auflagenhöhe von 200 Exemplaren. Gerade fertiggestellt wurde eine weitere Auflage des handwerklich sehr aufwändigen tastbaren Kinderbuchs „Der Grüffelo“. Ein weiteres taktiles Bilderbuch, „Meine Stadt – My City“, wurde konfektioniert. Einige Kalender in Brailleschrift und Großdruck aus dem Sortiment 2020 liegen schon bereit. Sie müssen gelocht und mit einer Ringbindung versehen werden.

Aus der Industrie ins Handwerk

„Im dzb lesen werden die Bücher in kleinen Stückzahlen hergestellt und deshalb handwerklich gebunden. Die Buchbinderinnen haben ihr Handwerk von der Pike auf gelernt“, erzählt Frank Becker. Er ist noch nicht lange im dzb lesen. Davor hat er Maschinenbauer im Leipziger Buchbindereimaschinenwerk gelernt, war dann als Servicetechniker für Buchbindereimaschinen weltweit unterwegs und arbeitete in verschiedenen Buchbindereien als Maschinenführer und später in leitenden Positionen. Außerdem hat er Lehrlinge als Buchbinder ausgebildet. „Ich habe mich 2018 als Leiter der Buchbinderei/Druckerei im dzb lesen beworben, weil mich als Buchbinder aus dem Industriebereich die Stelle im Handwerk wirklich reizte.“ Die meisten Bücher werden heute maschinell hergestellt. Nur wenige, meist kleine Buchauflagen, so wie im dzb lesen, werden in Handarbeit gebunden. Auf die Frage, welche Fähigkeiten ein Buchbinder mitbringen sollte, weiß Frank Becker sofort eine Antwort: handwerkliches Geschick, Kreativität, Präzision, Geduld und Interesse am Buch sei ganz wichtig.

Simpel, aber wichtig: das Falzbein

Für jeden Arbeitsvorgang beim Buchbinden gibt es spezielle Geräte und Maschinen. Zum Beispiel Prägepressen für Brailleschrift- bzw. Goldprägung oder Maschinen zum Runden des Buchrückens, Stanzen zum Lochen und Bindegeräte für die Ringbindung. Erst vor kurzem wurde eine neue effektivere Stanze für die Kalender- und Broschurproduktion angeschafft. „Die älteste Maschine in der Buchbinderei ist ohne Zweifel die Fadenheftmaschine aus den 50er Jahren“, erzählt Frank Becker. „Hier werden die gefalzten Bögen durch textile Fäden und Gaze miteinander verbunden und so zu einem Buchblock zusammengefügt. Fälzel zwischen den Bögen verhindern, dass die Punkte der Brailleschrift zerdrückt werden.“ Wichtigstes Werkzeug eines Buchbinders bei der Papierverarbeitung ist jedoch ein ganz simpler Gegenstand: das Falzbein. Es ist ganz flach und glatt, an dem einen Ende spitz, dem anderen rund. Mit dem spitzen Ende fährt man entlang eines Lineals eine Rille in das Papier, das sich dadurch leicht falten lässt. Danach zieht man das runde Ende des Falzbeins mit etwas Druck darüber und es entsteht ein sauberer Falz. Früher wurde das Falzbein aus einem Stück Rinderbein- oder Walknochen gefertigt. Heute besteht es oft aus Kunststoff.

aufgeschlagenes Braillebuch mit einzelnem Buchrücken aus Leinen und Buchrückeschiene

Leimen, Pressen, Prägen

Die Produktion eines einzelnen Buches dauert mehrere Tage. Es werden aber meist einige Exemplare gleichzeitig gebunden. Dazu gehört, dass man die

Buchdecken mit einem Vorsatzpapier anleimt und danach presst. Der Buchrücken besteht aus Gewebe, in die Braille- und Normalschrift geprägt wurde. Zum Schluss wird der gerundete Buchblock in die vorbereitete Decke eingehangen und geleimt. Zu einem Band können maximal 180 Seiten (Vorder- und Rückseite) gebunden werden.

„Im letzten Jahr wurden bei uns 3,9 Millionen Brailleschriftseiten gebunden, 27,4 Tonnen Papier bedruckt und es entstanden 3800 fadengeheftete Bücher“, berichtet Frank Becker und streicht über ein frisch gebundenes Buch. Hier ist Handwerkskunst gefragt und jedes Braillebuch ein wahrer Schatz.

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